Interview mit Susanne Seider

Ich merkte, dass mein Chef immer wieder mal über facebook mit Susanne, einer Autorenkollegin, nett plauderte.
Und dann war mir mal wieder langweilig und ich nahm dann selbst zu ihr Kontakt auf.

Susanne schreibt wie mein Chef Krimis.

 




 

Liebe Susanne, danke, dass Du Dich zu diesem Interview bereitfindest. Hübsch hast du es hier im Elsass. Meine erste Frage ist fast schon unverschämt: Hast du ein Kissen für mich? Ich bin ja eher eine von den Kurzen.


Hallo liebe Lupina,schön, dass du hier bist, natürlich habe ich ein Kissen für dich. Oder noch besser einen Kinderstuhl, ist das Okay für dich?


Oh ... ja. Es ist ein bisschen wie der Schiedsrichter beim Tennis.

Sag mal. was schreibst Du so und warum das und nicht ... Geschichten über Glitzervampire?


Nun, ich schreibe deshalb Krimis, weil ich, was Romane angeht, ausschließlich Krimis lese.  Früher war das aber anders. Als Jugendliche habe ich Vampire geliebt, und das erste Buch, das ich geschrieben habe, war ein Vampirbuch. Allerdings haben da Vampire noch nicht geglitzert, vielleicht entdecke ich irgendwann meine alte Leidenschaft neu und versuche es dann nochmal mit den schönen Vampiren. Im Moment kann ich mir das aber nicht vorstellen.

 

Deine Protagonistinnen sind Frauen. Ist es ein bestimmter Typ von Frauen?

 

Ich schreibe nur über Frauen, die ganz anders sind als ich, weil ich da etwas schüchtern bin und immer Angst habe, die Leser könnten zuviel von mir erfahren, wenn meine Protagonisten mir zu ähnlich sind. Somit haben meine Frauen nie Kinder und sind entweder viel netter oder viel böser als ich selbst.

 

Viel netter als Du? Das wird nicht einfach. Und viel böser? Was für ein Verhältnis hast Du da zu diesen Protagonistinnen, wenn die so schlimme Mädchen sind? Wachsen sie dir dennoch ans Herz?

 

Natürlich liebe ich jede einzelne meiner Protagonistinnen. Nicht abgöttisch, aber sie sind meine Geschöpfe. Natürlich mag ich sie. Ich kenne sie und weiß, dass sie auch ihre guten, starken Seiten haben. Oder ich kenne all das Schlimme in ihrer Vergangenheit, das sie zu dem bösen Mädchen gemacht hat.

 

Wie entstehen Deine Figuren? Ich selbst bin ein Rollenspielcharakter, im zweiten Bildungsweg auf Romanfigur umgeschult. Haben Deine Protagonisten auch eine Vergangenheit oder konkrete Vorbilder, gibt es Anregungen in der Zeitung oder sonst wo? Oder entstehen sie am Reißbrett?

 

Meine Mädels entstehen am Reißbrett, je nach dem, wie ich sie für die Geschichte brauche. Während des Schreibens lerne ich sie besser kennen. Und natürlich haben sie alle auch ihre Vergangenheit. Ohne Vergangenheit gibt es ja keine Geschichte.

 

Begleiten Deine Figuren Dich auch jenseits der Werke, oder führen gar ein Eigenleben? Mein Chef gibt mir da ja ziemlich freie Hand. Wie ist es bei dir.

 

Hmmm ... Ich fürchte, meine Figuren sind nur für meine Bücher geschaffen. Oder ... wenn sie doch ein Eigenleben führen, bekomme ich davon nicht viel mit. So gesehen, haben sie bei mir mindestens so freie Hand wie du, mit dem Unterschied allerdings, dass es mich gar nicht so sehr interessiert, was sie treiben. Aber jetzt, wo ich dich und deinen Chef so sehe, finde ich es fast ein wenig schade. Vielleicht sollte ich mal wieder nach meinen Frauen sehen.

 

Meist schreibt mein Chef ja gerne am Morgen. Aber wehe, wenn er mal nicht schlafen kann! Dann ist bei mir Nachtschicht angesagt! Da schlummerst Du selig, und plötzlich wirst Du aus dem Bett gezerrt, weil er seine Protagonistin braucht, um den Roman weiter zuschreiben. Ausgerechnet um halb drei Uhr am Morgen. Manchmal möcht' ich ihn erwürgen!

Wann schreibst Du?

 

Oh Lupina, ich verstehe deinen Chef sehr gut. Mein erstes Buch fing ich 5 Tage nach der Geburt meines dritten Kindes an und schrieb ihn in einem Jahr, wo ich 2 kleine Kinder zu Hause hatte und einen Erstklässler dazu. Da musste ich auch immer um 4 Uhr aufstehen, wenn ich schreiben wollte. Ich glaube, diese Zeit hat mich einige Falten gekostet.

Das zweite Buch war dann einfacher zu schreiben. Vormittags, wenn die Kinder in der Schule waren, und auch viel auf meinen Dienstreisen als Flugbegleiterin. Ich war zu dieser Zeit sehr viel in Los Angeles und Bangalore (Indien).

In LA bin ich durch die Zeitumstellung immer schon um Mitternacht Ortszeit wachgewesen und habe dann meist bis zum Sonnenaufgang geschrieben. In Indien war es umgekehrt. Wenn es dort schon sehr spät war, war ich noch hellwach, daher schrieb ich dann abends.


Hast Du besondere Rituale beim Schreiben?

Hast Du einen besonderen Treibstoff? Tee oder Kaffee?

 

Nunja ... was sonst mein Kaffee zum Schreiben ist, war in Indien dann ein kühles Kingfisher, das ist das indische Bier. Aber was für Rituale meinst du?

 

Mein Chef korrigiert zum Beispiel fast immer das Vortagspensum, bevor er weiterschreibt. Und die Nacharbeit! Das ist fast immer mindestens doppelt so viel Arbeit, wie das Schreiben selbst. Wann und wie korrigierst du?

 

Das mache ich genauso. Immer erst den Text vom Vortag korrigieren, so kommt man gut  in die Stimmung des Textes rein. Und die Korrekturen, ja, die nehmen leider einen großen, langweiligen Teil in Anspruch. Aber obwohl ich viel und gründlich korrigiere, finden meine Probeleser immer noch Fehler. Schafft das dein Chef denn alles alleine?

 

Oh, er hat eine Gruppe guter Betaleser, die alle sehr verschiedene Stärken haben. Die eine ist sehr genau und exakt. Ein anderer hat einen guten Blick für Spannungsbögen, schlüssige Motivationen und Plausibilität, eine Dritte ist detailverliebt und findet auch in Kleinigkeiten Ungereimtheiten. Sie bemerkte, dass in einer Hinrichtung, der ich beiwohnen musste, der Kopf des Delinquenten in der falschen Richtung davonkullerte. Und dann ist da natürlich noch seine Frau, die nicht nur liest, was da steht. Sie sieht auch, was er vergessen hat und hat schon manches Detail nachgereicht und auch den einen oder anderen Gag geliefert. Zusammen ist es ein tolles Team. Am Ende ist das Manuskript auf 90%. Doch die letzen 10 Prozent zur Druckreife, die sind die schwersten. Geht es Du auch so?

 

Das sehe ich auch so, die letzten 10% sind schreckliche Tüftelarbeit, die mich an den Rand der Verzweiflung bringt. Bei meinem ersten Buch habe ich diese letzten Prozente unterschätzt und war erstaunt, wieviele Fehler mein Buch aufwies. Das hat mich so schockiert, dass beim 2. Mal die letzten 10% in Wirklichkeit 30% ausmachten. Schnell bekam ich nach Veröffentlichung von einer Leserin eine Mail, die mir 4 verbleibende Fehler nannte. Ich korrigierte sofort. Darauf sagte eine Rezension: Keine Fehler gefunden. Das macht schon stolz :-)

 

So ein Buch zu schreiben, ist ja kein kleines Unternehmen. Du hast nun schon zwei Bücher geschrieben ... Was ist das für ein Gefühl, fertig zu sein? Ist nach dem Buch - vor dem nächsten Buch? Willst Du dann gleich weiterschreiben?

 

Eigentlich wollte ich nur ein Buch schreiben, so als Herausforderung zwischen Windeln und Herd. Dann bekam ich aber ein Feedback von einer etablierten Agentin, die mir genau sagte, was ich falsch gemacht habe, die mein Buch gut fand, aber noch nicht gut genug. Also wollte ich es nochmal versuchen.

Tatsächlich habe ich die damaligen Fehler vermieden. Dafür habe ich neue Fehler begangen. Nun reicht es aber. Ich habe aktuell keine Zeit mehr zum Schreiben, weil ich wieder studiere.

 

Was studierst Du denn?

 

Ich studiere Theologie ...

 

Hihi, wie mein Chef. Hat er auch mal „Gott und die Welt“ studiert. Du hast Glück, dass ich das erst jetzt erfahre, sonst hätten wir über den Monotheismus und das System der Götterverehrung in Garbath unterhalten können.

 

Das Studium habe ich schon vor meinem ersten Kind schon begonnen. Jetzt endlich kann ich es beenden, auch wenn es sicher noch drei Jahre dauert. Und um die Frage vorwegzunehmen: Ich werde weiterfliegen, egal was kommt. Ich studiere nur aus Interesse.

 

Was hat das Schreiben mit Dir gemacht? Hast Du dabei mehr über Dich selbst erfahren? Hältst Du es für nachahmenswert?

 

Oh Lupina, du stellst ja psychologische Fragen!

 

(grinst breit)

 

Was das Schreiben mit mir gemacht hat? Ich kann es nicht sagen, weil ich auf irgendeine Weise schon immer geschrieben habe. Ich kann nichts Besonderes erkennen. Aber für mich ist Schreiben eine Form von Kunst. Mir ist es einfach wichtig - für die Seele. Wir Menschen sind nun mal kreative Wesen, daher halte ich es für diejenigen für nachahmenswert, die sich gerne mit Worten ausdrücken, die mit Sprache spielen und gute Geschichten entwickeln. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, um kreativ zu arbeiten. Ich wollte schon immer mal Theater spielen, und irgendwann würde ich es auch tun. Mein Mann ist unglaublich darin, Dinge zu bauen, zu gestalten. Daher soll wirklich nur der schreiben, den es in den Fingern juckt. Die Erlösung bekommt man durchs Schreiben nicht ;-)

 

Wenn jemand es selbst einmal versuchen will und mit dem Gedanken spielt, selbst ein Buch zu schreiben, welche drei Tipps würdest Du ihm oder ihr geben?

 

Und wenn jemand schreiben will, dann würde ich ihm raten, es einfach zu tun. Viel zu tun. Täglich. sich dabei auch erlauben, schlecht zu sein.

Ratgeber und Schreibkurse finde ich wichtig, aber viel wichtiger ist das Schreiben an sich. Und noch etwas würde ich raten: Wer beginnt, für andere zu schreiben, der sollte seine persönlichen Schicksalsschläge raushalten. Die langweilen andere einfach nur.

 

Liebe Susanne, danke für Deine Zeit und Deine Geduld. Es war ein sehr schönes Interview. Viel Glück für Dein Studium und all Deine Unternehmen.